Krank durch Unversöhnlichkeit

Unversöhnliche Gläubige gleiten über die ernsten Warnungen und Mahnungen des Herrn hinweg, als ob dieselben nur für andere in der Bibel ständen. Da kann es geschehen, dass Gläubige zum Tisch des Herrn gehen, ohne den Menschen gegenüber die Versöhnung gesucht und jeden Hader aus dem Weg geräumt zu haben. Wie tief betrübend! Gottes Wort sagt: „Wer also unwürdig dieses Brot isst oder den Kelch des Herrn trinkt, der ist schuldig am Leib und Blut des Herrn.“ (1Kor. 11,27) Und wie will man überhaupt auch nur im Gebet Gott nahen? „Und wenn ihr dasteht und betet, so vergebt, wenn ihr etwas gegen jemand habt, damit auch euer Vater im Himmel euch eure Verfehlungen vergibt. Wenn ihr aber nicht vergebt, so wird auch euer Vater im Himmel eure Verfehlungen nicht vergeben.“ (Mk. 11,25-26) Ja, Unversöhnlichkeit ist eine dunkle Scheidewand zwischen der Seele und Gott – etwas, das am innersten Lebensmark frisst und zehrt und den Menschen, das Kind Gottes, tief unglücklich macht: „Offenbar sind aber die Werke des Fleisches, welche sind […] Eifersucht, Zorn, Selbstsucht, Zwietracht, Neid […] und dergleichen, wovon ich euch voraussage, wie ich schon zuvor gesagt habe, dass die, welche solche Dinge tun, das Reich Gottes nicht erben werden.“ (Gal. 5,19-21) Das musste Paulus in seinen Tagen an Gläubige schreiben. Und Gläubigen muss man heute dasselbe sagen. Jesus spricht: „Wenn du nun deine Gabe zum Altar bringst und dich dort erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar und geh zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und opfere deine Gabe!“ (Mt. 5,23-24) Ja, „Streitigkeiten sind wie der Riegel einer Burg.“ (Spr. 18,19), sie verschließen dem Heiligen Geist jeden Zutritt, jede Einwirkung - sie vertreiben den Herrn Jesus aus Herz und Haus! Wo man so dem Feinde Raum lässt, wird alles verwüstet, das äußere und das innere Leben. Friede und Freude rückt himmelfern. Kein Gebet dringt durch bis zu Gott aus diesem Zustand!

Unversöhnlichkeit liegt da zwischen Vater und Sohn, zwischen Mutter und Tochter, zwischen Brüdern und auch zwischen Schwestern. Unversöhnlichkeit kommt sogar vor – schrecklich zu sagen – unter gläubigen Ehegatten. Dabei ist die Frage, auf welcher Seite die Schuld liegt, gar nicht die wichtigste. Kommt einander in Liebe und Demut entgegen! „Ertragt einander und vergebt einander, wenn einer gegen den anderen zu klagen hat; gleichwie Christus euch vergeben hat, so auch ihr.“ (Kol. 3,13) O, wie kostbar, wenn es endlich der Sonne der Liebe Jesu gelingt, hart gewordene Herzen zu schmelzen und wieder eins zu machen. Was aber, wenn Hass und Hader, Neid und Streit bestehen bleiben unter solchen, die von Gott zusammengefügt sind, um der Welt gegenüber ein einheitliches (gemeinsame, sichtbares) Zeugnis von Seiner rettenden Gnade zu sein? Wie kann da etwas ausgerichtet werden? Ach, da muss man sagen: „Denn der Name Gottes wird um euretwillen gelästert unter den Heiden.“ (Röm. 2,24)

Eine Frau konnte nicht zum Frieden kommen. Immer, wenn sie niederknien und beten wollte, war es ihr zumute, als würde eine unsichtbare Hand sie würgen und die Worte im Keim ersticken. Schließlich suchte sie einen Seelsorger auf und vertraute sich ihm an. Der fragte dies und fragte das, vermochte aber lange nicht, die Ursache dieses Zustandes zu finden. Endlich fragte er: „Liebe Frau, haben Sie allen Menschen, die Sie auf Gottes weiter Erde kennen, vergeben? Haben Sie auch alles vergessen?“ Kurz und schroff kam’s zurück: „Nein!“ „Wollen Sie es nicht tun?“ Wiederum hieß es hart: „Nein!“ „Warum nicht?“ „Das, was die mir angetan hat, kann ich nun und nimmer (jetzt und auch zukünftig nicht) vergeben und vergessen, das wird im Herzen bleiben, solange ich lebe.“ „Liebe Frau, Sie müssen vergeben“, sagte der Seelsorger, und las ihr die Stelle aus der Bergpredigt vor. „Ich kann nicht.“ „Wenn Sie nicht können, kann Gott auch nicht. Sie kennen doch die Geschichte vom Schalksknecht?“ Alles Zureden, Drängen und Mahnen in heiligem Ernst und brennender Liebe half nichts; die Frau blieb bei ihrer Weigerung, ging ohne Frieden wieder nach Hause, und kam nicht lange darauf in die Psychologie.